Höher, schneller, weiter – Selbstoptimierung liegt voll im Trend

Sei perfekt, optimier dich selbst

Es muss schneller gehen, effizienter sein, das perfekte Outcome erzeugen. Um uns herum suggeriert uns die Welt, dass es nur zu etwas bringt, wer auf den Zug der Selbstoptimierung aufspringt.

Stillstand bedeutet Rückschritt – und das will natürlich keiner. Also legen wir los und folgen dem gesellschaftlichen Trend: Das Nahrungsergänzungsmittel, das mich in meinem stresserfüllten Leben optimal mit Nährstoffen ausstattet – auf die Einkaufsliste.

Die Smartwatch, die jeden meiner Schritte überwacht und mich zurechtweist, wenn ich die optimalen Parameter nicht erfülle – unbedingt nötig. Überhaupt ist die digitale Technik derart auf dem Vormarsch! Zukunftsorientierte Firmen implantieren ihren Mitarbeitern schon Mikrochips, damit sich die Türen auf ihren Wegen automatisch öffnen. Das spart Zeit. Da schießt sich doch selbst ins Abseits, wer nicht auf den Zug aufspringt. Oder etwa nicht? So suggeriert es mir auch die Werbung … also muss es stimmen!

Kennt ihr eine Werbeanzeige, die sagt: Hey, unser Produkt ist auf keinen Fall das Beste, Schnellste oder Größte. Aber dafür produzieren wir nachhaltig, zahlen faire Löhne, setzen auf Transparenz und fühlen uns einfach gut dabei. Schade, denn genau das bräuchten wir. Stattdessen bekommen wir Superlativen serviert, die unser Leben angeblich besser machen.

Wieso willst du überhaupt das perfekte Ich?

Ja wieso eigentlich? Bist du irgendwann einmal aufgewacht und hattest das dringende Bedürfnis, unbedingt besser zu sein, als du warst? Geboren wirst du damit nicht, denn schon Kinder zeigen uns: Es gibt doch eigentlich oft einen angenehmen Plan B.

Wo zur Hölle sind wir auf dem Weg also falsch abgebogen? Wo ist sie hin, die kindliche Zufriedenheit mit dem, was ich eben zu leisten imstande und bereit bin?

Erwartungshaltungen von außen …

Irgendwann entschied man für uns, dass es wichtig ist, Erwartungen zu erfüllen. Erwartungen von außen. Meistens stehen sie im Zusammenhang mit dem Job. Lücken im Lebenslauf? Oh-oh. Hier fängt es schon an. Den Job kannst du eigentlich abhaken. Heute erst 20 Kunden angerufen? Das ist aber kein guter Schnitt. 60 müssten schon drin sein. Bei der Arbeit werden Computer, Maschinen und Abläufe optimiert. Der Mensch muss nachziehen – sonst kann er ausziehen. Der Druck versetzt uns in einen Stresszustand. Und den legen wir zu Hause oft nicht mehr ab.

… erzeugen Druck von innen

Erfolgreicher, schöner, gesünder, effizienter: Der Drang, sich stets zu verbessern, zu optimieren, kann zur Sucht werden. Ständig setzen wir uns selbst unter Druck. Unsere intelligente Uhr sagt uns, wann es Zeit ist aufzustehen. Unsere App sagt uns, wann wir den richtigen Match für ein Date haben.

Unser Herzfrequenzmesser sagt … weiter … weiter … weiter. Und natürlich machen wir … weiter … weiter … weiter. Unser schlaues Handy gaukelt uns eine effiziente Rundumversorgung vor mit Twitter-Schnipseln, E-Mails checken, diverse Messenger im Blick behalten, Termine, Notizen und Push-Nachrichten, Kalorienzähler und Pulskontrolle. Alles in einem, alles optimiert, alles in Sichtweite.

Doch was, wenn alles „over-optimized“ wird? Eine kleine Story am Rande.
Neulich ist mir nämlich fast der Kragen geplatzt: Sicher hast du auch den einen Freund, der immer mit dem Handy spielt, ständig gefesselt auf die Smartwatch linst und nicht mehr imstande ist, eine ordentliche Unterhaltung mit dir zu führen? Alles, weil ihn sein kleines feines neues Teil vollends beherrscht und seine ganze Aufmerksamkeit verlangt, wenn es gut für ihn arbeiten soll. 24/7, Tag und Nacht, Woche für Woche. Immer schön am Ball bleiben …

Denn klar, Selbstoptimierung hat natürlich auch eine böse Schattenseite: Die des Versagens. Wer es nicht schafft, ist ein Loser. Die anderen sind die Gewinner. Dazwischen scheint es nichts zu geben.

Übertriebener Perfektionismus verdrängt wichtige Werte

Krankhafte Perfektionisten gestehen sich selbst keine Fehler zu. Anderen aber auch nicht. Es kommt, wozu es zwangsläufig kommen muss: Die anderen ziehen sich zurück. Denn wer hat schon gerne Umgang mit Menschen, für die man gefühlt nichts richtig machen kann. Der Wunsch nach Empathie, Verständnis, Dankbarkeit ist bei vielen ausreichend groß, um das zu erkennen. Wir bräuchten alle ein bisschen mehr: „Ach lass die anderen halt besser sein. Ich bin trotzdem zufrieden.“

Kann uns Selbstoptimierung krank machen? 

Was der Mensch als Ganzes oft nicht schafft, erledigen Körper und Geist für ihn: die Reißleine ziehen. Sven Hannawald ist nicht der erste Sportler, für den die Strapazen in einem Burnout endeten. Starke Unruhe, Schlafstörungen, Versagensängste, Depression – es gibt wahrlich schönere Kausalketten. Unglaublich oder, welchen Einfluss die mentale Gesundheit auf unser Leben hat.

Perfektionierst du noch oder bist du schon glücklich?

Es ist Zeit, nicht nur nach Plan x vorzugehen, sondern die Ziele, die wir dadurch erreichen wollen, zu gewichten.

Betrachte ein Ziel aus mehreren Perspektiven: Ist es tatsächlich erstrebenswert? Für dich? Macht es dich glücklich? Welche Konsequenzen hat es, wenn du dem Ziel weniger Gewicht beimisst? So lässt sich schon ganz schnell ganz viel aussieben, was dir deine Kraft raubt. Umso mehr Energie hast du für die wichtigen Aufgaben übrig. Kannst du sie nun automatisch effizienter erledigen? Ich denke schon!

Eines dieser neuen Ziele könnte dein Wohlbefinden sein. Selbst Firmen haben das schon erkannt. So liest man von Unternehmen, die ihren Mitarbeitern eine Prämie zahlen, wenn sie regelmäßig und gut schlafen. Festgestellt wird das natürlich mit einer Uhr, die die Schlafgewohnheiten aufzeichnet. Ein Stück Überwachung mehr in deinem Leben. Aber in Sachen Selbstoptimierung geht es in eine positive Richtung.

Magst du dein Leben entschleunigen?

Entschleunigung ist für dich noch nicht so sehr im Trend? Macht doch nichts! Nur den Trends hinterherzujagen, ist noch lange kein Erfolgsgarant. Also kannst du es auch lassen mit dem Perfektsein. Frag‘ dich lieber mal:

  • Wann hast du zuletzt “nein” gesagt und danach große Erleichterung verspürt? Das solltest du öfter tun.
  • Legst du beim Essen dein Smartphone zur Seite? Probier‘ es mal aus!
  • Vergleichst du dich sehr oft mit anderen? Dann erkenne, wann diese Vergleiche keinen Sinn ergeben.
  • Du hast einen Drang zum Multi-Tasking? Konzentriere dich lieber auf eine Sache. Das Outcome wird umso zufriedenstellender sein. Zeitmanagement is the key.
  • Kannst du dir selbst verzeihen, wenn es mal nicht so gut lief? Du würdest dir auf jeden Fall einen großen Gefallen tun.

Wie viel Selbstoptimierung ist „optimal“?

Ich möchte einem gewissen Streben nach Perfektion seine Berechtigung gar nicht absprechen. Und in Teilen neige auch ich dazu. Manchmal geht es mir nämlich ganz genauso, wie vielen anderen ebenso: Betrachte ich zB die Zeit. Hier bin ich ein Optimierer vor dem Herrn geworden. Zeit ist für mich zunehmend das kostbarste Gut geworden und ich mag sie kaum mehr verschwenden, weder für Menschen, noch für Sachen, noch für das, was mir und meinen Liebsten nicht guttut. Memo an mich selbst: „Fünfe grade sein lassen!

Selbstoptimierung hat einen wichtigen Platz

Wir alle verlassen uns in manchen Bereichen natürlich darauf, dass Menschen einfach ganz genau wissen, was sie da für uns tun. Dass Ärzte sich in ihren Fachgebieten immer auf dem neuesten Stand halten, gehört dazu. Oder dass sich ein Feuerwehrmann sich fit hält, um einsatzbereit zu sein.

Überall dort, wo es um lebenswichtige Entscheidungen und Handlungen geht, hat Selbstoptimierung einen wichtigen Platz. Was unsere Gesundheit betrifft, ist es s e l b s t v e r s t ä n d l i c h sinnvoll, sich positiv zu entwickeln. Aber der Impuls sollte von dir ausgehen und nicht von Werbekampagnen, die uns ständig das Bild des perfekten Menschen suggerieren.

Fazit

Auch wenn ich anderen ein Versprechen gebe und alles daran setze, es einzuhalten … na dann ist das doch mehr als richtig. Welche Versprechen ich gebe, das liegt an mir. Ich gebe sie unter Einbeziehung all meiner Möglichkeiten – und nicht an dem gemessen, was offenbar von mir erwartet wird. Ob nun eine E-Mail heute Abend oder morgen früh beantwortet wird, meine Waage eine bestimmte Zahl anzeigt oder ich mich auf Anhieb für die passende Berufswahl entscheide … daran scheitert unser Leben nicht. Denn wir sind immer noch Menschen. Persönlichkeiten. Nicht perfekt. Wesen, die auch mal Fehler machen dürfen. Und sie sich selbst verzeihen sollten.

Wie geht es euch mit der Selbstoptimierung?

Teilt gern eure Erfahrungen mit uns: Wie haltet ihr das mit der „Selbstoptimierung“? Seid ihr voll dabei oder schaltet ihr schon einen Gang zurück? Lasst uns einen Kommentar da aus eurem Leben. Nehmt euch ruhig die Zeit! Auch wenn es hauptsächlich den anderen hilft!

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Kategorie: Allgemein

Hallo, ich bin Anja und begleite Menschen als systemischer Business-Coach auf ihrem Weg zu ihrer eigenen beruflichen Veränderung. So finden Sie das im Innern, was Sie im Außen suchen. Den neuen Job, den sicheren Umgang im beruflichen Kontext, mehr Anerkennung und Freude im Beruf. Dies führt dazu, dass Sie wissen, wohin es für Sie geht und sich Ihr Potenzial entfaltet. Veränderung ist eine Chance, die ich Ihnen gern zeige, wenn Sie wollen. Lassen Sie uns starten.

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